Predigt: Lasst Euch nicht vom Bösen überwinden…

Diese Predigt zum Wochenspruch „Lass dich nicht vom Bösen überwinden“ hat Anne gehalten in einem Gottesdienst im Oktober 2023. Kernthese:

Menschen sind nicht von Natur aus böse. Kriege entstehen erst spät in der Menschheitsgeschichte, mit der Sesshaftwerdung, also mit Besitz. Es ist gerade in einer Welt voll Boshaftigkeit wichtig, den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren – das hat nichts mit Naivität zu tun, sondern mit Widerstand.

Friede sei mit euch von dem, der da war, der da ist und der da kommt. Amen

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Überwinde das Böse mit Gutem.“ Mehr als den Wochenspruch brauche ich heute nicht zum Predigen.

„Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Überwinde das Böse mit Gutem.“ Gesprochen in eine Woche, in der überall in Kriegen gemordet wird: in Israel und Gaza jetzt wieder akut seit 22 Tagen, in der Ukraine seit 20 Monaten, in Syrien seit 10 Jahren – und an vielen anderen Orten der Welt und natürlich auch schon viel länger.

Aber seit wann gibt es Kriege? Also seit wann gibt es das, dass nicht nur ein Mensch den anderen erschlägt, sondern ganze Gruppen tödlich gegeneinander kämpfen, organisiert und bewaffnet – und sei es nur mit Speeren oder Mistgabeln. Ist Kämpfen unsere Natur?

Gerade von rechten Politikern hören wir es immer lauter: Unsere Gesellschaft ist verweichlicht. Harte Zeiten! Wir müssen „mannhaft“ werden. Wir müssen „wehrhaft“ werden, sonst werden wir nicht überleben. „Wir“ gegen „die“. Der Stärkere gewinnt. Wir müssen halt ein bisschen grausam sein. Wörtlich sagt der AfD-Politiker Höcke: „Heute lautet die Frage: Schaf oder Wolf. Und wir entscheiden uns, Wolf zu sein“.

Können wir nur gegeneinander? Jeder sorgt für sich? Müssen wir uns rüsten?

Seit wann führen Menschen Krieg?

Vom Eingang eurer kleinen Kirche bis hier zum Pult sind es etwa 10 Meter (hab ich neulich ausgemessen).

Wenn wir mal gedanklich eine Zeitstrahl malen von dort bis hier und denken uns die Geburt des homo sapiens dort in der Tür  – Was denkt ihr, wie lange konnte der Homo sapiens ohne Krieg leben? (der homo sapiens ist der moderne Mensch, also nicht der Neandertaler, den lassen wir mal außen vor, der wäre so etwa 70 Meter vor der Tür entstanden, also noch hier den ganzen Weg runter)

Der „weise“ Mensch, die Art, die noch heute lebt…

(ich stelle mich hinten in Tür, gehe weiter von dort aus)

Den homo sapiens gibt es seit etwa 300.000 Jahren – ist in der Steinzeit entstanden: Jäger*innen und Sammler*innen. – ja, beide Geschlechter machten beides, das wissen wir inzwischen – Jeder Meter hier auf unserem Zeitstrahl sind also 30.000 Jahre.

Ich hab hier jetzt also 70 Meter Neandertaler hinter mir und geh jetzt (weiter vor gehen) als homo sapiens los, jagend und sammelnd in Gottes schöner Schöpfung. Was denkt ihr, wann führe ich Krieg?

Ich teile die Welt unter anderem mit etwa 7000 weiteren Säugetierarten, 18.000 Vogelarten, einer Millionen Arten Insekten, es gibt Amphibien, Fische, eine knappe halbe Millionen Arten pflanzlichen Lebens. Könnt ihr euch die Vielfalt in diesem Kirchenraum vorstellen? Und wie alles wunderbar gemacht ist? (weiter vor gehen)

Ich lebe in einer kleinen Gruppe von Menschen. Wenn wir andere Menschengruppen treffen, tauschen wir uns aus – eventuell auch genetisch – und dann gehen wir uns aus dem Weg.

Ich ziehe herum in all dieser Schöpfung in einer Eiszeit – und dann kommt eine Wärmeperiode, in der sich so hübsche Jahreszeiten herausbilden – und die Menschen müssen nicht mehr unbedingt umherziehen, um Nahrung zu finden. (weiter vor gehen)

Sesshaft wird der Mensch vor etwa 12.000 Jahren – das ist etwa hier. (kurz vor Pult, 40 cm vor dem Pult)

Genau da findet man die ersten Belege für Kriege: größere Gruppen menschlicher Skelette, in denen Pfeilspitzen stecken, größere Mengen Waffen, Reste von Schlachtfeldern, Befestigungsmauern. Bei Ausgrabungen aus früheren Zeiten findet man so etwas nicht.

Krieg entsteht also erst spät in der Menschheitsgeschichte. Krieg entsteht, als wir sesshaft werden. Krieg entsteht mit Besitz. 9 Meter und 60 Zentimeter lang kommen wir jagend und sammelnd recht friedlich aus. Auf den letzten 40 Zentimetern führen wir Kriege.

Offenbar liegt Krieg nicht in unserer Natur.

Wir haben nicht nur diese eine Möglichkeit, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren und bei Bedrohung aufzurüsten. Dass wir Besitz haben und den festklammern und dass wir denken, dass wir uns allein sichern müssen – das ist unser Problem.

9 Meter 60 ziemlich friedliche Menschheitsgeschichte und auf den letzten 40 cm Krieg. Krieg entsteht, als wir uns die Erde unterwerfen, Land „besitzen“, als wir Vieh für unsere Zwecke züchten, Sklaven für unsere Zwecke unterwerfen. Jetzt gewinnen die Rücksichtslosen.

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Das Böse, das uns überwinden will, nutzt die Erfahrungen aus diesen letzten 40 Zentimetern. Etwa hier (Breite eines Klebezettela, 7cm) wurde Jesus Christus geboren. (Zettel zweimal falten🙂 Etwa hier ist eure Kirche gebaut). Das letzte Jahrhundert mit seinen verheerenden Weltkriegen entspricht etwa der Dicke dieses gefalteten Zettels: 3mm.

Diese 3mm wiegen unglaublich schwer. Gerade wir in diesem Land wissen, wozu Menschen fähig sind, zu wie viel abscheulichem Bösen.

Und doch: Wir müssen nicht so sein. Wir sind nicht schon immer und nicht von Natur aus so. Ursprünglich gehören wir in diesen riesigen Raum von 10 Metern, verbunden mit all dieser Vielfalt an Schöpfung – ruft sie euch nochmal vor Augen: der ganze Raum voll Schöpfung, deren Teil wir sind und in der wir uns auch 9 Meter 60 lang bewegt haben… verbunden…

Lass dich nicht vom Bösen überwinden. Was ist das genau?

Das Böse überwindet uns, wenn es ihm gelingt, uns einzureden, die Menschen wären böse von Natur aus. Dann ist das Böse normal und das Gute ist die Ausnahme. Wenn wir DAS glauben, hat uns das Böse überwunden. Dann wird das Gute immer nur zu dem Schwachen, weil wir mit dem Maßstab des Bösen messen: Wer ist der Stärkere, wer siegt? Mit diesem Maßstab wächst das Böse.

Das Böse möchte, dass wir nur noch Böses erwarten. Denn dann hat es leichtes Spiel:

Wer glaubt, dass Menschen von Natur aus böse sind, der kämpft mit in dem Kampf gegen andere. Was bleibt ihm auch übrig, nur die Starken überleben. Das Böse pflanzt sich fort.

Wer glaubt, dass Menschen von Natur aus böse sind, muss Vorkehrungen treffen, Mauern bauen, zu machen. Er spart sich Verletzungen. Das Böse wird härter.

Wer glaubt, dass Menschen von Grund auf böse sind, der ist nicht mehr entsetzt, wenn Mitgeschöpfe ausgerottet und Mitmenschen versklavt werden. Der spart sich den Schmerz und die abgrundtiefe Enttäuschung. Das Böse wird grausamer.

Wer glaubt, dass Menschen von Grund auf böse sind, der lehnt das Gute ab: Gutmenschentum ist widernatürliches Zeug, Werte sind woke. Das Böse ist normal.

Wer glaubt, dass Menschen von Natur aus böse sind,

macht keine Unterschiede mehr, er sieht nicht mehr, wo wirklich böse gehandelt wird. Vielleicht sind es nur 40 Zentimeter, die böse sind, gegen 9 Meter 60 Frieden – aber wer sich vom Bösen hat überwinden lassen, für den ist alles gleich – und die Bösen können ihr Geschäft in aller Ruhe machen.

Ich bestreite das Böse nicht, keinesfalls. Aber es ist kleiner und unnormaler, als wir denken.

Das Böse am Bösen ist: es wächst mit sich selbst. Es wird immer schwerer, am Guten festzuhalten, das es auch gibt, wenn um mich herum das Böse tobt:

Die Kriege, die immer näher rücken,

die Vernichtung der Artenvielfalt, die in rasendem Tempo passiert,

die Zerstörung des Klimas, an der so viele verdienen…

Und dann steh ich da und sage: Ich halte am Guten fest! Wir können anders. Wir können umkehren?

Und dann gibt es ja auch noch diejenigen, die so sehr auf das Böse setzen, dass sie Hass verkaufen. Sie arbeiten ganz offen daran, dass wir dem Bösen glauben:

wir sollen glauben, dass wir durch „die anderen“ bedroht sind,

wir sollen glauben, dass „andere“ uns nur ausnutzen,

wir sollen glauben, dass wir härter sein müssen und rücksichtsloser

wir sollen glauben, dass wir Wölfe sein müssen, um nicht wie Schafe gerissen zu werden.

Wenn wir DAS glauben, dann sind wir zu ALLEM noch so widerwärtig Boshaften fähig. Auch die Nazis wussten das. Auch sie haben von den Wölfen gesprochen und von der notwendigen Grausamkeit.

Liebe Schwestern und Brüder: hier müssen wir als Christ:innen Einwände haben! Wenn sie von Wölfen sprechen und von wohltemperierter Grausamkeit, dann müssen wir einschreiten! Wir haben einen anderen Glauben, der uns helfen muss, dem Bösen nicht zu glauben:    Unser Gott wirft sich als Lamm in die Welt! Unser Erlöser kämpft nicht für sich selbst! Gottes Antwort zu den komplizierten Fragen der Gewalt ist eindeutig: Bevor ich Wolf werde, bin ich Lamm!

Uns Christ:innen dürfte kein Demagoge einen Wolf ins Herz reden können!

Uns Christ:innen dürfte kein Böses daran hindern, Gutmenschen zu sein.

Uns sollte niemand einreden können, wir müssten mit Stärke siegen – unser Heiland sagt es anders!

Ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe – so sagt es Jesus Christus.

Ich bin tief davon überzeugt, dass das unsere Aufgabe als Christ:innen ist: an das Gute im Menschen zu glauben, daran festzuhalten gegen alle Widrigkeit.

An das Gute zu glauben, kann schmerzlich sein in dieser Welt, denn es ist oft enttäuschend.

An das Gute zu glauben, ist anstrengend in dieser Welt, denn es fordert immer wieder Protest.

An das Gute zu glauben, erfordert Mut in dieser Welt, in der gelacht wird über die, die sich nicht schützen.

An das Gute zu glauben, bedeutet wachsam zu sein in dieser Welt, denn nur so wird das Böse entlarvt.

An das Gute zu glauben, hält lebendig in dieser Welt, denn es verspottet den Tod.

An das Gute zu glauben, schafft Gemeinschaft in dieser Welt, in der wir füreinander geschaffen sind.

An das Gute zu glauben, heilt diese Welt, die jede Unterbrechung not-wendig braucht.

An das Gute zu glauben, bedeutet, Gott, die Lebendige, zu erwarten in dieser Welt, so ist ihr Versprechen.

An das Gute zu glauben, bedeutet, Gott zu sehen in dieser Welt, – die Gottes Welt ist.

Wer an das Gute glaubt, gestaltet mit Gott diese Welt,  – so, wie Gott es will, zum Guten.

Die Kraft dafür können wir finden, denn es ist uns ja alles gesagt:

Siehe, es war sehr gut.  

Euch ist ein Kind geboren.

Christ ist erstanden.

Euch ist vergeben.

Folget mir nach.

Und der Friede Gottes, der größer ist als alles Böse in uns, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Verwendete Quelle:

Harald Meller im Interview bei Deutschlandfunk Kultur am 10.03.2016 https://www.deutschlandfunkkultur.de/archaeologie-krieg-muss-es-nicht-geben-100.html

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